»Bist du schon wach?« - »Man kann dieses christliche Terror-Geläut dort draußen ja kaum überhören!«
Stünde ein Muezzin auf dem Dach meines Nachbarn - es wäre nicht weniger unangenehm aber dennoch gerecht.

Heute Abend kämpfen zwei Götzen und unten blöken Besoffene, schwenken ihre Wimpel im Takt und freuen sich, was man in der letzten Zeit gewonnen hat. Und hacken die Zähne ins Fleisch toter Tiere und sabbern und saufen und gröhlen und spei’n.

Sonntag morgen, die Bimmel klingelt zum Fußballgebet - dass heute abend nach Wien kein Stein mehr auf einem anderen steht!

public viewing [funeral] - öffentliche Aufbahrung {f}

Touristen mit käsigen Beinen stehen herum, jemand dessen Stimme mich nervt, albert mit einem jüngeren Kind. Die Bücher sind aus, die Zeitung gelesen, das Essen kommt endlich und wer bestellt Milch.
Dieser Jemand hat deutlich mehr Ringe als Finger und ist mir naturgemäß fremd, er liest hier in meinem Wohnzimmer Bücher von jemandem, den man kaum kennt.

Mir fällt wieder auf, dass ich sehr schätze, was mir zum Wohnzimmer wurde. Weil andere sich hinaussetzen, sind die gemütlichen Sessel frei; Wir schauen in den Himmel und warten auf den Wolkenbruch: Jener, der schreibt nebenan und die zusammen frühstückenden Mädchen.

Hier läuft keine Musik (gerade!), Hannes Wader klingt mir im Ohr und macht sentimental. Es dampft ein Kakao aus der Schale auf dem Tisch
denn irgendwas muss sich ja ändern.

Es ist schon erstaunlich, man sitzt genau an der Quelle
und trotzdem fragt man nie »Kennst du einen guten Arzt?«
obwohl sie doch fast täglich geht.

Kein Vertrauen.

Das Klatschen der Wellen gegen den Pier, auf dem ich stand und der Geruch von Fisch und Meer

(du sagst: von der Fischbude dort)

Später im Schanzenviertel aus dem Auto heraus jenen Tisch wiedergefunden, an dem ich im August saß

Trotzdem hat an diesem Tag Hamburg verloren gegen Berlin
Ich weiß nicht warum
Vielleicht der Umstände wegen und der Zeit, die wir nicht hatten

Als ich den Zug stieg
dachte ich zweimal
»Bis bald«

Auf dem Couchtisch flackert die Kerze, die wir in Salzburg aus dem Schnee gruben. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet, den alten Docht abzufackeln, es hat sie nie gegeben.

Sie ist nicht pittoresk, die Blechschale beulig zerdrückt, wie eine alte Kerze vielleicht aussehen muss, die Falten, die Großvätern ins Gesicht gerissen sind, unterbrochen von jenem wissenden Blick. Wir haben immer auf eine Gelegenheit gewartet.

Vor nicht mal einem Jahr wäre ich enttäuscht gewesen darüber, dass wir nicht haben reden können.
Darüber, wie wir haben reden müssen.
Ein paar Monate später glaube ich, dass es anders nie hätte stattfinden können.

Das ist, was ich letztes Jahr gelernt habe. Was in keinem Jahresrückblick, den man im Januar schreibt, auftauchen würde.

Ein Lied, das ich in Zeiten der Melancholie sehr schätze.
Dort, wo die Pathetik wohnt.
Die Musik der Marburger Band, die es schon lange nicht mehr gibt, wird rausgekramt in Zeiten, die gerade erst begonnen haben.

Und irgendwie ist alles gut. Seltsam melancholisch; ich kann nicht behaupten, das vermisst zu haben und doch fühlt es sich angenehm warm an, wie ein alter Bekannter, mit dem man einst zu viel Zeit verbrachte. Von dem man sich länger entfernt hat und sich doch freut, ihn wieder zu sehen.
Wie beim zehnjährigen Abitreffen vielleicht, das in einer Woche beginnt.
Und wenn ich nicht mehr mag, kann ich einfach fahren.

Die Band, die ich meine: Hotel Stern

Der Satz im Kaffee
reimt sich auf mich.

Ach, diese EM.

Seit vorgestern weiß ich, wo sie stattfindet.
Seit gestern, dass England nicht dabei ist.
Was sonst ist noch unwichtig?

John Dee, Olso.

Mädchen

Mein ersten Emo-Konzert. Ich kenne wirklich einige Comics, blöde Witze und Vorurteile über Emos, aber die sehen tatsächlich so aus. Auf Konzerten wie diesen haben sie sogar Handys mit schwarzem Bildschirmhintergrund. Und sie sehen alle aus wie Elliott Smith - der sich im Grab umdrehte, wüsste er das.
Diese Musik, von der meine Gastgeberin schwärmen wird »diese Melodie!«, die ich verpasst haben muss. Und Geschrei. Die Band kündigt another hardcore song an, doch man versichert mir, das sei Emo. Und Elliott wippt mit dem Kopf.

Die Bands, die hier spielen, kenne ich nicht. Mit der berliner wird meine Gastgeberin später Pizza essen gehen, wozu ich keine Lust habe. Ich werde lieber zwanzig Minuten auf die Bahn warten.

In Oslo scheint die Sonne, ich laufe im norddeutschen Strickpullover wo andere sich bräunen. Ich ziehe mir im Unterholz die Kapuze tief ins Gesicht, als ich vor dem nackten Mann stehe, dem das hier mehr ausmacht als mir.

1X

Ich bin wieder hier.

Dreimal sagte mir man, dass man sehr begeistert sei, wie ich mich gäbe und wie fröhlich ich sei. Das war vor vier Tagen. Ein Urlaub nur, keiner der leichten, einer in dem man seinen Standpunkt überdenken und Vorurteile über Bord werfen muss.
Das letzte, das fiel (wie zum Beweis!): Wenn etwas anstrengend ist, macht es keinen Spaß.

Er war wichtig.
Vielleicht hat er mich zurückgebracht an Orte, an denen ich lange nicht mehr war.
Sicherlich hat er mich weitergebracht an Orte, an die ich nie gekommen wäre.
Sie war wichtig.

Kaffeebar: San Sebastián

Einen Urlaub im Internet zu buchen ist wie Einkaufen beim Pimkie’s, sagst du. Und verhältst dich wie vor Jahren, als wir es miteinander nicht aushielten. Du bist nicht besser geworden; ich weiß, du ärgerst dich über dich selbst.

Global Warming is now!

Das Glück wartet hinter der letzten Kurve. Immer. Ich freue mich auf Spanien. Ich werde viel zurücklassen, zu viel vielleicht. Hoffentlich genug. Wir schütteln beide den Kopf beim Wort Rücktrittsversicherung.

Draußen prallt die Sonne in noch nicht gestorbene Bäume, in den Häusern fällt der Regen. Wir gehen auseinander ohne uns zu verabschieden, wo und wann wir uns wieder sehen ist ungewiss. Du bist nicht was mich beschäftigt.

Du bist’s.

f: FOUND magazine

Das Bild, was auch hier hängt, habe ich letztens gesehen. Dort. Vielleicht im Traum, vielleicht bei ihr, die ich gar nicht sehr mag, es würde jedenfalls passen. Denn es erzählt über den, der es hängt.

Wo ich das überall sah.

Nicht bei ihr, bei ihm, der mich kannte/erkannte, der mir einen Kuss auf die Wange drückte und sagte, es ist alles okay. Ich war derjenige, der Angst hatte, ich war der eine in Sorge. Als wir uns das letzte mal sahen, schwangen Vorwürfe in der Luft. Dieses mal ein warmes Hallo und vielleicht ein »Bitte warte diesmal nicht so lang.«

Wo ich das überall hörte.

Und dann sagst du, der nächsten Woche steht nichts mehr im Weg und dass du nicht gehst. Ich sollte mich freuen und mache mir Sorgen. Ich weiß, was wir aneinander haben. Vielleicht gerade darum. Und nächste Woche wird toll.

Wo ich das überall dachte.

Man mag aus der Zukunft zurück auf etwas, das man nicht kennt schauen und sagen »Das war’s«; und sagen können: »Das war’s.” Und im Ohrensessel drehen den Kopf, an den Lippen hängen und die Geschichten hören. Von dir und euch. Und dich sehen.

Wo ich das überall träumte.

Da fragt mich einer, ob ich verliebt bin.
Vielleicht weil ich nicht schreibe,
vielleicht weil ich selten hier bin und
vielleicht weil ich nicht singe.
Vielleicht weil man uns zusammen sah
an einem Abend, dieses mal und jenes mal.

Die Antwort ist immer die gleiche
und hat nichts damit zu tun,
dass ich nicht schreibe,
dass ich selten hier bin und
dass ich nicht singe.

Es ist eine Art Lauf der Dinge
und irgendwann schreibe ich wieder mehr.
Doch im Augenblick passiert anderswo mehr.
Vielleicht muss man sich manchmal nur zwingen.
Das würde helfen, vor allen Dingen.

Bombesikker.

Als ich mich schwitzend wälze im Hotelzimmer in dieser Stadt schräg gegenüber jenes Gebäudes, in dem heute nacht wieder Menschen sterben, donnert ein viel zu Junger durch die Nacht, so dass es mich aus dem Schlaf reißt. Wieder.

So waren wir unterwegs in dieser Stadt, in der ich die ein oder andere Nacht auf den Straßen verbrachte. Auf jene Busse wartend, die mich nach Oslo bringen, oder auf dich, wenn wir zum Kaffee verabredet waren.
Ich träume von dir, ohne dass du in dem Traum vorkommst. Und doch, hat er mit dir zu tun, und doch bist du da. Egal, wohin ich gehe, es ist beruhigend, deine Stimme bei mir zu wissen. Schon wieder.
Man erzählt mir, dass du mich anrufen wolltest.
Wir sehen uns später.
Bald.
Gleich.

Geruht, geschlafen hab ich kaum
Ich schrecke hoch aus einem Traum
Ich hab geträumt weiß nichtmal was
Mein Kissen ist von Tränen nass
Ich weine doch schon lang nicht mehr
Wo kommen dann die Tränen her?

Die Straße fällt nach Süden, es muss Süden sein, den Hang hinauf. Der Schneematsch heißt mich willkommen zurück; ich war selbst nicht sicher, ob und wann, jedenfalls dass ich so schnell nicht wieder hier sein würde. Du weißt warum.

Geht man ein paar Kilometer weiter am Ufer des Sees kommt man zu einer jungen Frau, die enttäuscht mit den Wellen spricht, man hört es aus jedem Satz, den wir uns sagen. Als wir an der Stelle vorbeifahren, hören wir ein Wispern in der Luft, dass uns kalte Schauer über den Rücken treibt.

Während du eine Mutter zitierst, denke ich »pass auf«. Im Zug später rasen rosige Berge an uns vorbei. Ich sage Dinge, die ich noch nicht wissen kann.
Und du sagst »Pass auf«.

– Hannes Wader - Schlaf Liebste

Die Katze legt ihren Kopf zur Seite am Kopfende dieses Sofas und schaut gegen die Wand. Wir sind beide durch den Tag geschwommen, haben uns nicht viel zu erzählen, haben eben gelebt, sind nicht verhungert, haben die Welt mit eigenen Augen gesehen und suchen nun den ruhenden Punkt um zu entspannen.

Aufhören!

Und ich frage »Wie hälst du das aus?«
Zwölf Stunden Leben lassen altern wie vier ganze Jahre. Ich habe heute morgen Menschen weinen gesehen und mich ein bisschen geschämt, als ich das nicht konnte. Ich aß heute morgen zwei Brötchen, als andere nach Papiertüchern kramten. Hinter uns saßen unglückliche Menschen, als wir uns das letzte mal küssten. Du hast gewinkt und ich durch die Scheibe im verhangenen Himmel dein Lächeln erkannt.

Wir sind durch den Tag geschwommen im Fieberwahn
auf dieser Couch, auf der wir unsere Geschichten verschweigen.
Sie sagen von dir, du schaust nicht in Augen. Stolz wie du bist.

Und ich frage »Was sind denn schon bitte zwei Wochen?«
Die Antwort kennen wir beide.

Machmal frage ich mich, wie das wäre
wäre es anders (?)

Career

  • Du sagst, du willst tanzen und ich »Entschuldigung, ich habe nur diese Musik«.
    Dann lachst du.
  • Während wir liegen und durch das Dachfenster in den schreienden Himmel blicken, erzählst du, das finge jetzt an und wie man so anders sein kann.
    Dann lachst du.
  • Obwohl ich Busfahren hasse, liebe ich es im Regen. »Es gibt diese Musik, die mich melancholisch sein lässt«; »Es hat angefangen irgendwann im September«. Ich habe eine Ahnung von dem, was du erzählst, was ihr mir erzählt, die mir wichtig sind.
    Und ihr schweigt.
    Dann lachst du.

f: FOUND Magazine

Man verschränkt die Beine auf der neuen alten Couch.
Aus der letzten verbleibenden Box säuseln Mogwai in jenes Ohr, in dem es zuverlässig pfeift.
Hinter den geschlossenen Liedern träumt man von Hamburg und der Hamburger Band,
von den Worten des Sängers, der mit Wir könnten Freunde werden Schuld trägt
an einer vergangen Beziehung, die einem vorkommt wie gestern,
wie nie beendet, wie auf anderer Ebene fortgesetzt.
Und man verschränkt die Beine.

No!

Nebenan stapeln sich Bücher,
die schwarze Katze
sitzt im Flur
und starrt
in den Raum.

f: FOUND Magazine

  • als sie ihm Wochen nach der Trennung die Lippen bei jedem »bis bald« entgegenstreckt
  • als er stichelnd grient »dreimal willst du doch immer geküsst werden; links, rechts, mitte« und dich dann dreimal ernsthaft küsst
  • das Donnern von Trolleys auf dem Kopfsteinpflaster draußen wie
    das Donnern von Kobelbechern auf dem Kopfsteinpflaster draußen

Wieder singt der alte Freund Tinnitus sein immer gleiches Lied, »lange nicht gesehen!«
Im anderen Ohr hockt seit Tagen schon, was ich nicht ignorieren kann.

Thank you!

Du fragst, auf welcher Seite ich schliefe und warum ich mich wälze unruhig im Traum. Ich sage, dass dich wahrscheinlich nachts selten jemand so oft beobachten kann.

Und: »Nimms nicht persönlich, ich würde ja gern die Augen geschlossen halten, aber dann fangen die Konzerte wieder an, in denen die Geigen nicht stimmen.«

f: FOUND Magazine

Next Page »